Max Streicher - Ephemere Giganten

Aufblasbare Figuren werden im ersten Augenblick zumeist mit den bunten Luftballons aus unseren Kindertagen assoziiert – einer Zeit, als das Spielen unsere wichtigste und einzige Aufgabe war. Häufig sind Luftballons ein Ausdruck von naivem Optimismus. In einem Kunst-Kontext können sie jedoch auch ein Gegenstatement signalisieren: eine Form von Volkskunst, die nicht ganz frei von Ironie ist.

Im Schaffen des Kanadiers Max Streicher spielen großmaßstäbliche, aufblasbare Figuren eine zentrale Rolle. Aus unterschiedlichen Membranen und Kunststoffen baut er gigantische, surreale Gestalten. Kinetische Skulpturen nennt er seine Figuren, die zwischen zeitgenössischer Bildhauerei und Installation anzusiedeln sind. Durch ihre Größe müssten seine Figuren mächtig wirken, doch die bei Luftballons unterschwellig immer mitschwingende Drohung des Platzens – also des nicht-Seins – lässt die Zerbrechlichkeit spürbar werden. Durch kontrollierte Luftzufuhr versetzt er die Membranen zudem in eine leichte, an Atmen erinnernde Bewegung.

Max Streichers Werke sind international bekannt. Von Kanada bis Griechenland, von Schweden bis Israel waren seine Figuren bereits zu sehen.   Außer in Galerien sind sie häufig im öffentlichen Raum zu sehen. Dann wählt der Künstler zumeist ungewöhnliche Orte aus. Wie etwa bei seinem Projekt „Endgame“: Clownsköpfe aus recyceltem Vinyl blicken, eingequetscht zwischen zwei Häusern, aus bis zu 20 Metern Höhe auf den Betrachter herab. Oder die „Quadriga“, vier Pferdeskulpturen aus Vinyl, sieben Meter hoch, die über das Dach des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen zu springen scheinen.

Pferde sind eines der bevorzugten Motive des Künstlers. Stark von De Chirico und Dali beeinflusst, ist es seine zeitgenössische Interpretation klassischer Formen. „Battle of Cannae“, seine 2014 in Madrid zu sehende Installation, stellte eine Schlachtszene dar – ähnlich derer, die bereits im antiken Rom oder Griechenland oft als Motiv dienten. An der Fassade des Radisson Hotels, an der Ecke des Gebäudes, schweben im obersten Geschoss riesige Pferde- und Menschen-Skulpturen. Ein Stier steigt aus dem Fenster. Der Künstler hat ihn instinktiv dort platziert, ohne den Grund dafür rational erklären zu können. Die Tiere scheinen zu flüchten. In der Geschichte der Schlacht von Cannae, über die der Künstler zufällig während der Arbeit an der Skulptur las, wird der Sieg der von Hannibal und seinen Karthagern gegen die Römer 218 n.Chr. beschrieben. Als Metapher für die Verzweiflung einer ganzen Stadt stürzt sich in dieser Erzählung ein Stier bei seinem Fluchtversuch aus einem Fenster im dritten Geschoss eines Gebäudes in den Tod. Sie gab der Skulptur schließlich den Namen. „Surrealismus“, so der Künstler, „bedeutet für mich, darauf zu vertrauen, dass der Zufall oder auch das Unterbewusstsein Bedeutung auferlegt oder herstellt“. Die Installation wurde für eine Kunst-Biennale in China 2015 vorgeschlagen.

 

Fotos: Max Streicher

Ausgewählte Werke