para-SITE

Aus verschiedenen Perspektiven scharf beobachten, unparteiisch und schonungslos analysieren, eine hochkonzentrierte Synthese entwickeln, um das Ergebnis mit Witz und auch List als Kunst der Öffentlichkeit zu präsentieren – das scheinen die Eckpunkte zu sein, an denen sich Michael Rakowitz bei seinen Projekten entlanghangelt. Der in Chicago und New York lebende Künstler entzieht sich jeglicher Kategorisierung. Jedes Projekt, jedes Kunstwerk ist überraschend anders, die Konzepte haben jedoch eins gemeinsam: sie vergegenwärtigen genau die Gefahren, Missstände und Ängste in unserer Gesellschaft, die so präsent sind, dass sie meistens gar nicht wahrgenommen werden.

Auf der letzten Documenta in Kassel ist er mit steinernen Büchern vertreten – ein Kunstwerk, das auf die 1941 im Fridericianum während eines Bombenangriffs verbrannten Bücher und damit auf den Verlust durch den Krieg hinweist. Auf einer weiteren Ebene erinnert der Stein, aus dem diese Bücher gehauen sind, an ein nicht minder grauenvolles geschichtliches Ereignis. Er kommt aus einem Steinbruch in Afghanistan, aus Bamyian, wo die Taliban 2001 die riesigen Buddha-Statuen sprengen ließen. Die Absicht des Künstlers ist es, mit dem Material einer zerstörten Kultur eine andere zu heilen.

Ähnlich vielschichtig sind auch alle anderen Projekte des US-Amerikaners mit irakisch-jüdischen Wurzeln. 2006 rief er die „Enemy Kitchen“ ins Leben. Für Schüler und auch für Kriegsveteranen bot er Workshops zur Einführung in die irakische Küche an. Denn nicht nur, dass es in New York zur damaligen Zeit kein einziges irakisches Restaurant gab, es gab überhaupt keine Spur irakischer Kultur – obwohl die Zahl der irakischen Einwanderer recht hoch war. Die meisten seiner Workshop-Teilnehmer hatten in ihrem Bekanntenkreis mindestens eine Person, die im Golfkrieg gekämpft hatte – was für angeregte Diskussionen während des Kochens sorgte. Genau diese Form der sozialen Interaktionen versucht der Künstler zu provozieren.

In seiner ruhelosen Suche, die Stadt und sein Verhältnis zu ihr zu verstehen, trieb es ihn bereits 1998, noch während seines Studiums, auf die Straßen. Er begann die Arbeit an seinem Projekt „paraSITE“ – beheizte Unterkünfte für Obdachlose. Als er während seiner langjährigen Arbeit daran zu verstehen begann, dass das topografische Verhältnis der Obdachlosen zum urbanen Raum ein gänzlich anderes als sein eigenes war, lernte er, wie unterschiedlich sich eine Stadt dem Menschen zeigen kann und was sie dem Einzelnen verbirgt. Ihm ist natürlich bewusst, dass diese Behausungen keine Lösung sind – aber sie fallen auf und regen den Diskurs an.

Zweischalige Folienwände, in die warme Abluft von Klima- und Abluftanlagen eingeblasen wird – das ist das Prinzip der paraSITEs. Diese fremden, comic-artig anmutenden Skulpturen sind mittlerweile auf den Straßen New Yorks, Cambridges und auch Berlins zu finden und sind nicht mehr zu übersehen. Sie erzählen die Geschichten ihrer Nutzer - Geschichten, die normalerweise keiner hören will. Sie geben der Armut ein Gesicht und thematisieren durch ihre Anwesenheit die große Angst vor dem sozialen Abstieg. 

Michael Rakowitz hat seit 1998 mittlerweile etwa 40 paraSITEs für Obdachlose gefertigt, die alle auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der einzelnen Bewohner zugeschnitten sind.

Michael M. ist ein Obdachloser, der für die „United Homeless Organization“ arbeitete. Sein paraSITE war die Antwort auf ein merkwürdiges Anti-Zelt-Gesetz, das von der Giuliani-Administration erlassen wurde. Dieses Gesetz besagte, dass jegliche Konstruktion, die einer Beherbergung dient, sich auf öffentlichem Grund und Boden befindet und höher als 108,6 cm ist, als illegales Campen betrachtet wird. Michael Rakowitz entwickelte ein paraSITE, das eine liegende Form hat – ähnlich eines Schlafsacks. So konnte Michael bei Fragen seitens der Polizei immer auf die Höhe seiner Unterkunft verweisen, die sich unter der vom Gesetz angegebenen befand und somit nicht als illegal eingestuft werden konnte. Die Polizei musste nach ihren häufigen Kontrollen jedes Mal unverrichteter Dinge von dannen ziehen.

George L.s paraSITE wurde mit einem Budget von 5,00 USD errichtet. Als Material dienten Mülltüten,  verschließbare Plastikbeutel und durchsichtiges Paketband. George wünschte sich ein System von aufblasbaren „Rippen“, die aus leicht lichtdurchlässigen Mülltüten gebaut werden sollten. Zwischen diesen Rippen sollten Fenster das „Fleisch“ zwischen den Knochen sichtbar machen.

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